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Thema Depression - Laune oder Krankheit?

Nun, ich wurde gefragt, ob ich einen Artikel zum Thema „Depression“ schreiben könnte und ich sagte zu.
Erst machte ich mir Gedanken darüber, wie man am besten einen Artikel zu diesem schwierigen Thema formuliert. Wo setze ich den Schwerpunkt? Beschreibe ich einfach meinen Tagesablauf während einer depressiven Episode? Versuche ich, Menschen wach zu rütteln und dieses Thema begreiflicher zu machen? Sollte ich vielleicht ermutigendes dazu schreiben für die Menschen, die es selbst erwischt hat? Ich habe mich dazu entschieden, einfach zu schreiben. Ohne mir dabei zu viel Anspruch zu erlauben. Einen Artikel zu schreiben, der vor sich hin fließt wie diese Krankheit es in meinem Leben tut.

Ich weiß wirklich nicht, wann es bei mir mit der Depression anfing. Es ist ewig her; schon in frühester Jugend dachte ich abstrakter als andere, hatte viele seelische Tiefpunkte und bewältigte diese immer wieder aufs Neue. Problematisch wurde es erst mit Anfang 30... Ständig gegen ein inneres Dunkel anzugehen, das kostet viel Kraft. Und mir kommt es so vor, das mit steigendem Alter die Kraft, um permanent gegen einen Teil von sich anzugehen, schlicht weniger wird.
Vor allem wusste ich damals nicht, das mich eine Krankheit erwischt hat. Woher auch? Keiner hatte mir das gesagt. Ich ahnte instinktiv, das etwas falsch läuft und „Leben“ eigentlich mehr sein müsste, als häufig dunkle Gedanken zu haben und diffuse Ängste durchstehen zu müssen... Der Wendepunkt kam, als ich ca. 30 Jahre alt war. Ein Freund riet mir dazu, mal einen Neurologen aufzusuchen. Die Diagnose „Schwere Depression“ empfand ich als vernichtend, aber auch nicht überraschend.
Häufig ist es so, das Patienten ein Röntgenbild mit einem klar erkennbaren Knochenbruch problemlos akzeptieren, aber würde ein Arzt ihnen sagen „Junger Mann, ihre Seele hat Risse“, dann würden die meisten Patienten das nicht hin nehmen. Bei mir war es anders. Ich dachte mir, innerlich befreit, „Cool. Endlich eine Tatsache. Damit kann ich arbeiten.“ Hätte ich gewusst, das mit einer Diagnose der Kampf nicht vorbei ist, sondern erst anfängt, dann wäre ich auf der Stelle wohl völlig verzweifelt gewesen...
Jahre sind seitdem vergangen. Es gab viele gute Zeiten und viele schreckliche.
Geschätze 15 verschiedene Medikamente wurden im Laufe der Zeit verschrieben, wirkten eine Zeit lang und dann nicht mehr. Es gibt viele Ursachen für eine Depression, genau so gibt es diverse „Schweregrade“, die einen treffen können. Fast jeder Mensch erlebt irgendwann in seinem Leben mal eine Phase, wo kaum noch was geht. Meist kommt man dann selbst raus aus dem Loch und geht gestärkt aus der Sache hervor. Andere reißt es um.
Ich bin oft passiv. Ich habe oft weder Kraft, noch Lust, dieses scheiß Spiel weiterhin zu spielen. Wenn ich in meinem Empfinden dann ganz unten bin, erwacht in mir ein Kampfgeist, der mich selbst immer wieder aufs neue überrascht. Ich bin dann wütend. Wütend über diese Krankheit, welche mein Leben seit fast drei Jahrzehnten lähmt! Ich erledige dann die Dinge, die tagelang nicht erledigt wurden; anfangs wie ein Roboter und als wäre ich fremdgesteuert, nach den ersten „Erfolgen“ (glaube mir lieber Leser: Wir reden über kleine Dinge. Müll rausbringen, einen Anruf tätigen, eine Flasche Wasser endlich vom Tisch räumen, die dort ewig stand. „Heldentaten des Alltags“) fällt es dann leichter und man hat wieder mehr Kraft; geht alles wieder an. Zumindest, bis es einem wieder die Füße weg reißt und der gleiche Kampf von vorne beginnt... Und im Hinterkopf ist immer die Angst vor dem nächsten mal. Aus einem Loch heraus kommen, das bedeutet auch, das nächste steht schon bereit.
Eine Depression kann einen tödlichen Verlauf nehmen. Aber im Endeffekt tötet sie ständig. Tötet Freude. Tötet Motivation. Tötet Hoffnung.
All die Kraft, die ich brauche, um mit dieser Krankheit umgehen zu können, genau diese Kraft hätte ich gerne für andere Dinge.

„Warum schaffe ich das? Also das ALLES?“
Ich stelle mir oft diese Frage. Ich war mit dieser Krankheit, bis sie diagnostiziert wurde die meiste Zeit allein. Daher kann ich auf Erfahrenswerte schauen im Umgang damit, wenn eine schlimmere Phase kommt.
Eine schlimme Phase bedeutet bei mir, das ich schlecht schlafe, weil ich Nachts vor lauter Gedanken kaum dazu komme und das Geräusch des eigenen Atmens die Ohren betäubt. Die Gedanken sich nur im Kreis drehen und das Grübeln kein Ende nimmt. Um morgens dann nach einer Nacht ohne Tiefschlafphase als erstes daran zu denken, allem ein für alle mal ein Ende zu setzen. Und dann hat der Tag erst begonnen... Die kleinen Dinge werden dann als erstes erledigt, danach die schwierigeren. Später geht es dann alles leichter, ich bin im Flow, sozusagen. Meine Arbeit lenkt mich ab und lässt mich ein wenig Ruhe spüren. Es tut mir gut, wenn Kunden zu mir kommen und zufrieden sind mit meiner Arbeit. Ich versuche, die Depression mit Kreativität zu bekämpfen. In all den Jahren hat dies bisher am besten geholfen.
Ausserdem bin ich in der glücklichen Situation, mir die Arbeit einteilen zu können. An miesen Tagen lasse ich die Arbeit einfach liegen und an besseren arbeite ich alles auf. In Phasen, in denen es mir Wochen am Stück schlecht geht, wird es schwierig, aber es ist immer machbar. Die feste Struktur des Tagesablaufs gibt mir Halt. Ist eine depressive Episode durchgestanden, schaut man verwundert zurück: Alles, was einem als schier unüberwindbares Hindernis galt, ist plötzlich klein und leicht. Läuft es dann einige Wochen stabil, dann kann ich mich kaum daran erinnern, wie es ist, einen depressiven Schub zu haben. Das ist mit ein Grund, warum es einen so mächtig von den Füssen reißen kann, wenn irgendwann später ein neuer Schub auftritt: Man kann sich nicht drauf vorbereiten, wenn Wochen lang alles passabel lief und dann die Depression erneut wie eine Axt in der Seele wütet. „Depression“ gehört unter den seelischen Krankheiten mit zum quälensten, was einen erwischen kann. Glaubt mir, ich prüfe das seit mehr als zwei Jahrzehnten nach... Mir ist häufig zum weinen zumute und ich kann es nicht. Es kommt mir dann so vor, als würden sich die Tränen, die den Weg nicht heraus aus den Augen finden, sich sammeln und die Seele verätzen wie eine Säure. Ich freue mich manchmal über Dinge und für andere wirke ich eher emotionslos und unbeteiligt. Hin und wieder kann ich weinen, aber das dann aus Gründen, die mir selbst verschlossen bleiben... Ein schönes Lied, eine traurige Szene in einem Film. Plötzlich berührt mich etwas durch diese dichte Schicht Düsternis und ich bin dann traurig & gleichzeitig dankbar dafür.

Das menschliche Umfeld hat hunderte Möglichkeiten, mit einem Depressiven umzugehen. In den häufigsten Fällen ist es Unverständnis.
Ich kann es nachvollziehen und bin selten anderen böse darüber.
Ich bin selbst nur schwerlich in der Lage, diese Krankheit zu beschreiben (und frage mich gerade, wie beschissen unstrukturiert wohl dieser Text auf unbedarfte Leser wirken wird?), wie soll sie also ein anderer Mensch verstehen können? Ich gehe seit langer Zeit sehr offen mit meiner Krankheit um und versuche, sie zu erklären. Deswegen schreibe ich diesen Text. Ich versuche, etwas zu beschreiben; einen Zustand.
Ein Zustand, den jeder erleben könnte. Depression ist eine Krankheit, die jeden erwischen kann, es ist nur die Frage, wie schwer und in welchem „Härtegrad“. Es ist wie Krebs. Ein Krebs im Herzen & in der Seele.
Ich sehe nun den Text und bin enttäuscht, das er so kurz ist. Aber er könnte hunderte Seiten umfangen und würde sich immer nur im Inhalt wiederholen; wie jeder Tag im Leben eines Depressiven, der in schlimmen Phasen nur noch besteht aus „Ich muss essen“, „ich muss trinken“, „ich muss atmen“, „ich muss existieren“. Und alles andere muss dann überdies auch noch irgendwie geschafft werden... Vielleicht konnte ich einen kleinen Einblick geben davon, wie es sich anfühlt, wenn das dunkelste, was einem Schaden zufügen kann, in einem selbst ist.

Dieser Text ist nun zu Ende und es ist eigentlich ein Wunder, das ich ihn schrieb. Es kostete viel Kraft. Ich überlegte lange, ob ich diesen Text anonym verfasse oder mit meinem Namen dahinter stehen möchte. Meine Antwort darauf ist schlussendlich: Ja, ich möchte mit meinem wirklichen Namen hinter diesem Text stehen, denn es wäre der falsche Weg, etwas einerseits in das öffentliche Bewusstsein bringen zu wollen um andere Menschen zum Nachdenken zu bewegen (das Thema „Schwere Depression“ ist leider immer noch ein Tabu, über das nicht gerne geredet wird), aber gleichzeitig versteckt zu agieren. Es wäre ein Widerspruch.

Text: Stefan Weimbs
Bild: Todd Quackenbush

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