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Lernen, sich zu wehren – Manuel Tolls im Interview

Seit den letzten Geschehnissen, wie beispielsweise in Köln, ist die Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen, vor allem für Frauen, stark gestiegen. Manuel Tolls, Schulleiter der WingTsun Schule Nettetal, lehrt Teilnehmerinnen und Teilnehmern wirksame Maßnahmen und Vorgehensweisen, mit Gefahrensituationen richtig umzugehen, um im Ernstfall „zum Gegner statt zum Opfer“ zu werden.

Herr Tolls, welche Strategie ist bei einem Angriff die geeignetste?

Die geeignetste Strategie bei einem Angriff ist grundsätzlich, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen. Wir unterrichten immer, dass nur ein nicht gekämpfter Kampf ein gewonnener Kampf ist. Die beste Selbstverteidigung ist eine selbstbewusste Ausstrahlung, wodurch man fast gar nicht mehr in bedrohliche Situationen kommt. In der Regel suchen sich die Aggressoren Opfer und keine ebenbürtigen Gegner. Sollte es dennoch dazu kommen, sind unsere EWTO Blitzdefense Programme gerade für einen “Selbstverteidigungsanfänger” das Sinnvollste, was man üben kann.

Können Selbstverteidigungstechniken kurzfristig erlernt werden?

Selbstverteidigungstechniken sind relativ simpel und schnell zu erlernen. Unser Anfängerprogramm ist auf die häufigsten Angriffe, welche auf der Straße entgegengebracht werden, ausgelegt.
Ich denke, das Schwierige an der Selbstverteidigung ist, dass eine Auseinandersetzung unvorhersehbar ist. Wir können nie wissen, wer, wie, wie viele oder sogar womit wir angegriffen werden. Wir schulen in unserem Programm jedoch nicht nur Selbstverteidigungstechniken, sondern auch die richtige Verhaltensweise und worauf man achten sollte.

Wie wichtig sind das Selbstvertrauen, das Verhalten und die Stimme?

Durch ein regelmäßiges Training steigert man auch das Selbstvertrauen. Diese selbstbewusste Ausstrahlung ist es letztendlich, warum wir nicht mehr zum Opfer werden. Falls doch, wissen wir uns ja zu wehren. Nicht nur bei den Kids, sondern gerade auch bei den Erwachsenen ist das dem Moment entsprechende Verhalten und eine laute und deutliche Aussprache eine der wichtigsten Eigenschaften, die trainiert werden müssen. Jeder ist sich, glaube ich, darüber bewusst, wie einschüchternd und bedrohlich eine lautstarke Aussage, oder eine verbale Gegenwehr sein können.

Wie viel Zeit hat eine Frau um sich zu verteidigen, wie wichtig ist dabei der Überraschungsmoment?

Eine gute Frage. Wieviel Zeit hat man in der Selbstverteidigung? Ein direktes und entschlossenes Handeln ist das einzige, was einem Anfänger bleibt. Falls man noch nicht viel Erfahrung mit Auseinandersetzungen gemacht hat, kann man es sich nicht leisten, so lange zu warten, bis der oder die Aggressoren zu nahe kommen oder gar angreifen. Ein entscheidender Punkt, der aus meiner Sicht viel zu wenig unterrichtet wird, ist die Angst. Man muss erst lernen mit ihr umzugehen, ansonsten lähmt sie uns und macht uns kampfunfähig. Weiß man, worauf man achten muss, so kann die Angst uns aber der größte Verbündete werden.  

Was ist in der Selbstverteidigung erlaubt?

In der Selbstverteidigung ist alles erlaubt, was dem Angriff angemessen ist. Eine pauschalisierte Aussage ist fast nicht möglich. Wenn meine Gesundheit oder gar mein Leben auf dem Spiel steht, dann weiß ich, dass mir dieses so wichtig ist, dass ich meinen Angreifer so schnell wie möglich Kampfunfähig mache. Das kann bedeuten, dass man ihn durch sanfte Mittel schnell zu Boden bringt, es kann aber genauso gut bedeuten, dass ich einen alkoholisierten oder sogar durch Drogen berauschten Gegner habe, der nicht von mir ablassen wird, solange er nicht wortwörtlich kampfunfähig ist. Erlaubt ist, sein Leben und seine Gesundheit zu schützen. Erst wenn dies gewährleistest ist, ist die Auseinandersetzung beendet. Dazu zählt natürlich auch die Flucht.

Was genau wird bei einem Selbstverteidigungskurs trainiert?

Wie schon erwähnt, unterrichten wir in unseren EWTO WingTsun Schulen mehr, als nur Selbstverteidigungstechniken. Die Achtsamkeit wird geschult, wir zeigen immer wieder, worauf es bei welchen Situationen ankommt und was unbedingt beachtet werden muss. Die Konfliktsituation richtig einzuschätzen ist schwer, aber machbar. Der Umgang mit Adrenalin und der Angst sind wichtiger Bestandteil des Trainings. Natürlich auch, die Hemmung abzulegen und sich entschlossen zur Wehr zu setzen. Bei Männern sind es meist die so genannten Ritualkämpfe, die mit einem Blickkontakt beginnen und mit dem typischen “Was guckst du so blöd” weitergehen. Und die nicht selten mit einem Tritt zum Kopf, wenn das Opfer bereits am Boden liegt, enden.
Bei Frauen spielt sich dies jedoch alles etwas anders ab. Ein respektloser Grapscher, eine aufgezwungene Umarmung des Aggressors oder ein falsch interpretiertes Lächeln des vermeidlichen Opfers sind häufig der Beginn von Auseinandersetzungen bei Frauen.
Wir unterrichten auch, sich selber und seinem Gegenüber deutlich zu machen, wo Grenzen sind.
Grenzen erkennen, Grenzen ziehen und Grenzen bewachen bzw. verteidigen. Wer einer Frau näher kommt, als sie es ihm erlaubt, muss damit rechnen, dass der Abend nicht so ausgeht, wie er es erwartet hat.

Wie wichtig ist Vollkontakttraining in ihren Selbstverteidigungskursen, sowie das Training in gemischten Gruppen?

Selbstverteidigung funktioniert natürlich nicht, wenn man realitätsfremd trainiert. In unseren verschiedenen Kursen achten wir jedoch darauf, dass wir einem Beginner nicht noch mehr Angst durch stetige und viel zu übertriebene Gewalt machen. Körperkontakt ist unvermeidlich in der Selbstverteidigung. Trotzdem ist es immer nur effektiv, wenn man sowohl die Selbstverteidigungsfähigkeit steigert, als auch die Angst reduziert. Wir bieten reine Frauenkurse an, trotz allem halte ich es für sehr wichtig, dass Frauen auch mit Männern trainieren, genauso umgekehrt. In der Realität können wir es uns nicht aussuchen, wann oder wer uns wo angreift. Also müssen wir uns auch mit dem Gedanken anfreunden, dass - auch wenn es anfangs ungewohnt oder gar unangenehm ist , ebenfalls mit dem anderen Geschlecht oder mit anderen Gewichtsklassen zu trainieren. Dadurch werden die Angst und die Hemmung genommen, sich gegen jeden zur Wehr zu setzen. Nicht nur bei körperlichen Angriffen, sondern auch bei verbalen. Sowohl im Privat- als auch im Berufsleben.

Welche Menschen trainieren hauptsächlich bei ihnen?

Durch unser großes Angebot an verschiedenen Kursen unterrichten wir viele Kinder, Jugendliche, Erwachsene, auch in öffentlichen Einrichtungen die Bediensteten, die für unsere Sicherheit und Ordnung zuständig sind.
Dann haben wir natürlich unser Erwachsenen Programm und den Unterricht von Schulen, Behörden über Polizisten und Sicherheitsdienste. Jede Sparte hat ihre Schwerpunkte, wobei diese häufig übergreifend sind.
Unsere Kids WingTsun Kurse beginnen im Alter von 3 Jahren. In der Vorschulklasse bringen wir auf spielerische Weise den Kindern bei, selbstbewusster zu werden und ganz klar “Nein” sagen zu können. Aber auch, wo man “Nein” sagen darf und wo nicht. In der Grundschulklasse kommen mehr Selbstverteidigungstechniken hinzu. Und ab der weiterführenden Schule muss man auch mit weitaus größeren und kräftigeren Angreifern rechnen.
Das Verhalten gegenüber anderen Kindern und Erwachsenen sind zweierlei. Deswegen unterrichten wir bei den Kindern beides. Wie verhalte ich mich gegen ein anderes Kind und wie reagiere ich, wenn mich ein Fremder Erwachsener anspricht oder sogar angreift.
Rollenspiele zeigen den Kindern in allen Altersklassen, wie sie sich wann behaupten und verteidigen können und sollten.

Wie wichtig ist der eigene Instinkt?

Sehr wichtig. Wenn der Instinkt uns etwas rät, dann sollten wir diesen Rat nicht außer Acht lassen. Das so genannte Bauchgefühl täuscht uns nicht. Der ureigene Instinkt hat das Ziel, uns zu schützen. Ob es eine schwere berufliche Entscheidung, oder eine Gefahrensituation ist. Man sollte seinen Instinkten immer vertrauen.

Wem würden Sie einen Selbstverteidigungskurs empfehlen?

Wem würde ich einen Schwimmkurs empfehlen? Der Schwimmkurs ist ein gutes Beispiel, weil jede Mutter und jeder Vater wissen, wie gefährlich es ist, wenn die eigenen Kinder nicht schwimmen können. Das selbe empfehle ich aber auch für Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse. In den heutigen Zeiten, in denen die Gewalt immer präsenter und brutaler wird, wie die jüngsten Ereignisse leider wieder einmal gezeigt haben, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die Gewalt nicht hunderte von Kilometern weit weg ist. Ich würde jedem diese Kurse empfehlen, der seine Gesundheit nicht nur zur reinen Glückssache machen möchte. Wer gesund leben möchte und sich auch in schwierigen Situationen durchsetzen können will, der sollte mit dem Selbstverteidigungstraining beginnen. Zum Selbstbewusstsein, der Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungsfähigkeit kommt ein gesünderes Leben und ein trainierterer Körper noch dazu, weil man sich auch in Ernährung und Fitness mehr abverlangt.  

Über Manuel Tolls:

Manuel Tolls, geb 1985, ist Schulleiter der Wing Tsun Schule Nettetal und offizielles Mitglied des europäischen Verband EWTO (European Wing Tsun Organisation). Neben der Kampfkunst WingTsun lehrt und trainiert er in speziellen Kursen schwerpunktmäßig Selbstverteidigung und -behauptung für Frauen sowie Kinder. Er unterrichtet in verschiedenen WingTsun Schulen, Kindergärten, Grund- und weiterführenden Schulen mehr als 300 Kinder, Jugendliche, Erwachsene und das Ordnungsamt in regelmäßigen Kursen zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung.

WingTsun Nettetal
E-Mail: wt-nettetal@gmx.de
Telefon: 0176/21118715
Web: www.WingTsun-Selbstverteidigung-Nettetal.de

Weiterführende Informationen und Kampfkunstschulen:
www.gewalt-stoppen.de

Foto: Stefan Weimbs, Fotostudio Weimbs Bork

 

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