Große Klappe, viel dahinter!

Bei einigen Viersenern ist Ralf Weber mittlerweile bekannt wie ein tätowierter Hund mit Zylinder und Monokel. Nicht nur wegen seines eigenen YouTube-Channels, in dem er frei Schnauze seiner Hassliebe zu Viersen freie Bahn lässt und sagt, was ihm am Kreis Viersen gefällt und was nicht, sondern natürlich in erster Linie wegen seinem Engagement für Kunst und Kultur in Viersen.

Nach einem langen Umweg durch verschiedene interessante Jobs, eröffnete er  zusammen mit einer Partnerin 2012 das Varieté Freigeist. Trotz einiger Anfangsschwierigkeiten und dank viel harter Arbeit erfreut sich das kleine Etablissement heute einer festen Stammkundschaft, die sogar regelmäßig aus anderen Städten wie z.B. Düsseldorf anreist, um sich am mannigfaltigen Programm des kleinen aber feinen Variete‘s zu erfreuen. Bis heute ist es ein hartes Stück Arbeit und leider bleibt der erwünschte Anklang bei den eigenen Bürgern noch etwas aus. Ein Grund mehr für uns an dieser Stelle, den erfrischend und positiv durchgeknallten Freigeist Ralf Weber einmal vorzustellen.

Auch wenn die Frage schon oft gestellt wurde trotzdem, der Vollständigkeit halber: Wie kommt man auf die Idee, in Viersen ein Varieté oder eine Kleinkunstbühne zu eröffnen? Ist das nicht schon an sich ein verrückter Plan?

Ralf Weber: "Das liegt daran, dass wir ja auch eine recht alte Stadt sind. Hier gibt es wenig Zuwachs und hier kommt einfach kein frisches Blut mehr rein. Na, wie soll ich sagen, es gibt viele alte Leute, die kennen halt ihre Heimatpflege. Da gibt es die Schützenfeste und Karnevalsvereine, das hat auch durchaus seine Daseinsberechtigung, aber die meisten sind einfach noch nicht so weit. Die verstehen die Kunst einfach nicht. Das ist nun einmal so. Kunst in Provinzen, so wie hier, ist zum Beispiel, wenn Oma Käthe, 63 Jahre, Rentnerin, im Wartezimmer von Dr. Schmitz eine Kopie von Chagall gesehen hat und sich denkt: „Oh, dat sind aber schöne Blömkes, sind dat. Dat kann isch aber och.“ Dann fängt die an zu malen, malt dreihundert Blumenbilder, macht eine Ausstellung und dann kommt die Zeitung und sagt: "Mensch, das ist Kunst!" Das ist aber keine Kunst, das ist Bullshit. Das ist Malen nach Zahlen, aber das ist das Kunstverständnis von vielen hier in Viersen. Wie viele kennen denn die Galerie im Park oder wissen wo der Skulpturenpark ist? Ich denke, dass Viersen einfach noch eine lange Zeit braucht. Das ist aber ganz normal in den Provinzen."

Woher kam die Idee für den YouTube-Channel?

Ralf Weber: "Mit dem Filmen, das habe ich eigentlich immer schon gemacht. Ich bin ja ziemlich selbstverliebt und hab fast immer eine Kamera dabei. Im Internet hat man einfach die beste Möglichkeit, den ganzen Rotz mal rauszuhauen. Es hat ja auch ein bisschen was gebracht, als wir dann in einer Aufräumaktion das Niers-Ufer sauber gemacht haben. Vielleicht war das ja dann auch ein bisschen der Ansporn für andere, um dann ähnliche Aufräumaktionen zu starten.

Am Ende war es auch ein bisschen Verzweiflung. Wenn man in einem Dorf lebt oder in so einer Kleinstadt, wie Viersen, hat man ja nix. Da macht man halt solche Faxen. Dahinter steckt aber kein festes Konzept, das ich aufgeschrieben habe. Es ist vielmehr ein festes Konzept in meinem Kopf, immer mal wieder die Kamera anzumachen. Ich habe ja immer irgendwas zu sagen. Ob das jemanden interessiert, ist eine andere Sache. Es gibt aber wirklich Leute, die mich mittlerweile dann im Supermarkt an der Kasse ansprechen, weil sie mich von YouTube und Facebook kennen. Meistens wegen meinem Kreisverkehrsvideo (lacht). Ich glaube, das ist der berühmteste Kreisverkehr Viersens."

Hatten Sie schon mal Probleme wegen Ihrer Art, weil Sie Kunden vergrault haben?

Ralf Weber: "Es ist so, dass wir diese Thematik schon einmal vor drei Jahren hatten. Gerade hatte ich mit Claudia, meiner Freundin, mit der ich den Laden betreibe, dieses Thema auch nochmal.

Es gibt schon mal Kunden, aber meistens sind es Freunde, die mir dann sagen: „Du kannst mit den Leuten nicht so umgehen.“ Am Anfang, nach der Eröffnung des Ladens, habe ich den Fehler gemacht, dass ich wirklich viel gemotzt habe über Viersen. Ich dachte, ich bin ja zu was Höherem berufen - das meint man ja immer irgendwie so - also mach ich was ganz tolles für Viersen - eine Kleinkunstbühne - und dann kommt keine Sau. Da bin ich dann ziemlich damit angeeckt, dass ich unter anderem bei Facebook rumgeballert hab: Viersen ist Scheiße! Ihr seid Scheiße! Das ist natürlich überhaupt nicht gut angekommen, was ja auch verständlich ist. Dann hab ich mich wieder ein bisschen runtergefahren. Auf der anderen Seite habe ich aber auch weiter gemacht - nur anders - und über verschiedene Sachen gesprochen, die mich stören. Oder über Leute, die mir nicht passen, so wie Siggi der Cherusker von der NPD.

Naja, also anecken? Ich sag das mal so: Die meisten Leute, die in unseren Laden kommen, die kennen mich gar nicht von Facebook oder YouTube. Das ist ja grad das Kuriose. Einfach mal achtzig Prozent der Leute, die zu uns kommen, kommen von überall her nur nicht aus Viersen. Es ist leider ein ganz kleiner Teil, der wirklich aus Viersen kommt und ein noch kleinerer Teil, der mich auch wirklich privat kennt. Das hat sich also noch nie wirklich negativ auf das Geschäft ausgewirkt.

Ich weiß, dass es da draußen genug Leute gibt, die uns oder gerade mich nicht mögen, weil ich ein Exot bin. Das sind aber diejenigen, die immer mauscheln und das sind die die immer klüngeln, die immer an der Theke sitzen und Thekenpolitik machen: "Dä is doch bekloppt, dä hätt se doch nit mehr all."

War die Idee, ein Varieté zu eröffnen, von Anfang an so geplant?

Ralf Weber: "Varieté ist ja eigentlich auch nicht die richtige Bezeichnung. Varieté heißt ja auch einfach nur bunte Vielfalt und ich bin vom Varieté ein bisschen weggegangen. Da steht draußen zwar noch Varieté Freigeist dran, aber demnächst heißt das auch nur noch „Freigeist“. Wir sind eigentlich eher eine Kleinkunstbühne oder eigentlich sogar nur der Freigeist. Kleinkunstbühnen kann man eigentlich auch erstmal rausschmeißen, interessiert nämlich auch keinen. Ich glaube, viele Leute meinen, eine Kleinkunstbühne ist eine Bühne, wo nur Leute unterhalb von einen Meter zehn auftreten oder was weiß ich.

Tatsache ist: 2010 habe ich das Haus mit meiner damaligen Freundin gekauft - sponsored by Sparkasse - und ursprünglich war die Idee, dass ich mich hier ein bisschen verwirkliche, Künstler einlade und wir hier so im Wohnzimmer-Style ein bisschen Kultur machen. Wir haben dann auch mal etwas recherchiert und fanden heraus, dass Viersen in den 20er recht innovativ war. Es gab hier einige Bühnen. Leider kam dann der zweite Weltkrieg und der Engländer meinte, er müsse seine restlichen Bomben hier abwerfen. Das hat dem Ganzen dann den Rest gegeben. Nach dem Krieg wurden die Bühnen dann immer weiter reduziert, weil man wahrscheinlich gemerkt hat, dass die Leute gerade andere Probleme hatten, als irgendwelchen Leuten beim Schauspielern in Viersen zuzugucken. Letztlich haben wir uns dann gedacht, naja versuchen wir es einfach mal.

Ich würde es nie wieder machen (lacht). Muss ich ganz ehrlich sagen.

Trotz allem gibt es immer noch ein paar Durchgeknallte, die das verstehen und tatsächlich auch hierher kommen, um sich das anzugucken. Also ziehen wir das jetzt auch durch. 2012-2013 lief der Laden echt schlecht. Wir haben viele Fehler gemacht. Seit dem dann 2014 meine jetzige Partnerin Claudia in den Laden mit eingestiegen ist, kam hier erstmal so wirklich Struktur rein - auch wirtschaftlich. Da muss ich ganz ehrlich sagen, dass der Verdienst da zum allergrößten Teil an Claudia geht. Sie hat die ganze Sache gepusht und ihr Drive gegeben. Seit Mitte 2014 hatten wir dann einen echt guten Zulauf. Trotzdem ist es immer noch verdammt schwer, die Leute bei Laune zu halten."

Sind Sie gebürtiger Viersener?

Ralf Weber: "Nein! Ich komme aus so einem Loch wie Lobberich (lacht), bin in Waldniel geboren, hab die große Schleife gemacht und bin 1999 von Lobberich nach Viersen gezogen, weil ich dachte, Viersen ist der Vorhof zur Stadt. Ich habe dann aber gemerkt, dass ich in der Provinz lebe, als ich 2000 mit meine Musikprojekt - so Elektronik-Avantgarde-Musik - in der Rock Kultur Werkstatt aufgetreten bin. Da hab ich jemanden von der Feuerwehr kennen gelernt, der meinte zu mir: "Hömma Jung, dat find isch jut, datte so Technomusik machst.", dabei mach ich keine Technomusik. "Isch komm mit meiner Anlage vorbei." Dann standen wir auf der Bühne unter einem selbst zusammen geschweißten Gestänge, an denen die Lampen hingen, und das uns bis zur Nase ging. Der Typ, der ziemlich kräftig war, saß auf der Bühne hinter seinem Pult, wie bei Raumschiff Enterprise auf der Brücke und wir waren da am Rumdaddeln. Das war ja eigentlich auch schon irgendwie Kunst. Ich guckte mir das so an und dachte mir: "Dat is Provinz!"

Ich bin aber trotzdem hier geblieben. Warum, weiß ich selber nicht so genau. Vielleicht, weil ich zu schissig bin irgendwo anders hinzuziehen."

Wie fing alles an? Hatten Sie schon Vorkenntnisse? Gab es irgendwelche Kontakte zu Künstlern oder Bands im Voraus oder mussten Sie diese Kontakte erst langsam aufbauen?

Ralf Weber: "Jain! Anfang 2012, bevor das Freigeist eröffnet wurde, startete ich ein paar klägliche Versuche im Comedy Bereich, unter anderem beim Comedy-Contest vom NDR. Da habe ich hier und da hinter den Bühnen schon ein paar Kontakte geknüpft. So kam ich automatisch mit verschiedenen Leuten ins Gespräch. Von da an ging eigentlich alles recht schnell. Man bekommt von Künstleragenturen Vorschläge, man tauscht sich aus und mit der Zeit bildete sich ein gewisser Künstlerpool. Hinzu kommt, wir haben auch einen großen Sympathiefaktor, weil wir die Künstler immer sehr gut behandeln, was leider nicht der Normalfall ist. Das merken die sich natürlich und wir haben hinten herum so einen kleinen Bonus. Dann kommen die Künstler immer gerne wieder. So haben wir dann auch die Möglichkeit, mal für kleinere Gagen Leute zu präsentieren, die deutschlandweit auftreten z.B. in TV-Shows wie bei Stefan Raab, Nightwash oder anderen."

Sie haben sich ja auch für Flüchtlinge in Viersen eingesetzt. Wie kam es dazu?

Ralf Weber: "Also ganz ehrlich, das war beim Spülmaschine ausräumen oder so. Wir hatten ja am 06.09.2015 die Antoschka hier gehabt, welche ein international anerkannter Clown ist. Im Zuge dessen dachten wir uns schon vor der Vorstellung, es wäre doch schön, wenn wir das Programm nutzen könnten, um was für die Flüchtlingskinder zu machen. Alle machen Sachspenden für die Flüchtlinge oder moppen nur rum, aber wir dachten uns, ein kleines Lächeln ist ja auch mal nicht schlecht für die Kinder. Wenn man sich mal überlegt, was die für traumatische Dinge erlebt haben.

Unser soziales Engagement soll aber noch weiter gehen. Wir möchten gerne mit einem Kulturfonds, Kinder aus sozial schwachen Familien die Möglichkeit geben, auch mal auf der Bühne zu stehen. In Zukunft möchten wir dann auch mit der Antoschka, Clown-Workshops für diese Kinder anbieten oder Theaterstücke mit denen machen. So etwas kostet normalerweise viel Geld. Das kann sich nicht jeder leisten. Eine weitere Idee wäre ein Musikprojekt, das man zusammen mit ein paar Flüchtlingen machen könnte."

Gab es auch größere Erfolge, mit denen Sie so vorher nicht gerechnet hatten?

Ralf Weber: "Ja, da war einmal Schräg-TV, das wir zusammen mit Cityvision gemacht haben. Die ersten drei Shows waren bumsvoll. Also da haben wir auch wirklich keine Leute mehr rein bekommen.

Die Outlaws, das war so eine Theatergeschichte, die ist auch super eingeschlagen. Beim ersten Mal kamen nur knapp fünfundzwanzig Leute. Es hat sich dann sehr schnell rumgesprochen, dass das eine super lustige Truppe ist. Beim zweiten Mal war dann schon alles rappelvoll. Wir haben an dem Abend keinen mehr reinbekommen. Da hatten wir nicht mit gerechnet."

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten und sich den Auftritt eines Künstlers, einer Band oder eine Show für Ihr Varieté wünschen könnten, welche wären das?

Ralf Weber: "Das ist eine Sache, die habe ich mir noch nie so richtig durch den Kopf gehen lassen. Also ich mag den Dieter Nuhr eigentlich ganz gerne. Das würde der ganzen Sache hier mal so einen Kick geben. So ein Kabarettprogramm mit einer Größe wie dem Nuhr oder dem Pispers. Musiktechnisch hätte ich ganz gerne the Prodigy hier oder Underworld. Faithless fände ich auch nicht schlecht. Aber wenn ich mich festlegen müsste, dann würde ich gerne Faithless hier spielen lassen. Muse aber auch, vielleicht als Vorband. (lacht)

Mein größter Wunsch ist aber eigentlich, hier etwas zu etablieren, was Eigenes zu kreieren, dass die Leute noch über Jahre drüber reden und sagen: "Boah, dat is wat geiles."

Einfaches Besipiel: Letztes Jahr waren wir eingeladen in Berlin, im Schloss Belvedere, zu einer Bohème Sauvage Party, die deutschlandweit von der gleichen Truppe veranstaltet werden. Dort gab es Musik aus den 20er/30er Jahren. Alle waren entsprechend gekleidet, spielten die Spiele aus der Zeit und benahmen sich auch wie Leute von damals. Alles mit sehr viel Flair. Lustigerweise waren da fast nur Tätowierte. Alles war sehr stilvoll. Alle waren sehr lieb. Da war kein Prollvolk. Das war einfach ein geiles Gefühl, dabei zu sein. Einfach mal die Atmosphäre zu schaffen und den Leuten zu sagen, macht euch doch mal chic. Das war ja hier bei uns, als das Vierscher Ratpack gespielt hat, auch so, dass sich einige dann mal chic angezogen haben. Das ist etwas, was ich sehr gerne etablieren möchte - diese Veranstaltungen mit Swing. Auf ein Rock- und Pop-Konzert kann ich immer und überall gehen. Da treffe ich auch immer die gleichen Leute. Das ist auch ganz toll und schön, aber ich habe eigentlich ganz gerne so einen eloquenten kleinen Kreis an Menschen, die halt auch ein bisschen exklusiv sind - gerne auch durchgeknallt, ist gar kein Problem. Die müssen ja noch nicht mal auf Swing stehen, aber verstehen, dass es darum geht, mal was Besonderes zu machen, sich in Schale zu schmeißen und höflich miteinander umzugehen, so dass man immer wieder gerne zurück kommt, weil man einfach einen schönen Abend hatte, mit netten Leuten."

Das Varieté wurde schon in den 30er als Varieté genutzt, unter dem Namen Dicker Fritz. Im Dicken Fritz gab es einen Hypnotiseur und Boxkämpfe. Wäre das nichts für Ihr Programm? Vielleicht sogar beides auf einmal?

Ralf Weber: "Ne! Also, ich fand das mal eine Zeit lang eine ganz lustige Idee mit den Boxkämpfen, aber da lässt man am besten die Finger von, wenn man sich das Geschäft nicht kaputt machen will. Sonst hat man hier ganz schnell Leute im Laden, die das nicht verstehen und dann Randale machen und so. Es gibt hier gewisse Leute in Viersen, die in Wettbüros gehen, welche es hier zu Hauf gibt und diese Leute hast du dann im Laden. Das willst du nicht, wenn du dir nicht den Laden kaputt machen willst. Nö, sowas gibt es bei mir nicht."

Wo sind Ihre Grenzen? Wo sagen Sie, dass man darüber keine Witze macht, was kommt Ihnen nicht ins Haus?

Ralf Weber: "Was ich zum Beispiel gar nicht mache, ist allgemein Politikveranstaltungen. Das mach ich nicht, weil man da sehr schnell abgestempelt wird. Es hieß ja auch mal eine Zeit lang, wir wären eine Linken-Hochburg. Hä? Alle dürfen hier rein kommen, ob CDU, SPD oder Linke, das ist mir scheißegal. Also Politik ist was, wo ich sage, da lassen wir die Finger von, kann ich sowieso nicht. Witze über Behinderte macht man auch nicht obwohl, wenn ich mir die NPD so angucke...

Es gibt klare Tabuthemen, die jeder normale Mensch nachvollziehen kann. Es gibt einfach Sachen, über die man sich nicht lustig macht."

Auf welche Veranstaltung sind Sie besonders stolz? Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Ralf Weber: "Jens Heinrich Claassen zum Beispiel. Da bin ich ganz Stolz drauf, weil der auch viel unterwegs ist. Eigentlich ist der ständig mit seinem Gesicht im Fernsehen, allerdings meist bei den kleineren Sendern. Auch stolz bin ich auf die Tatsache, dass Ideen und Künstler, die sich hier entwickelt haben und hier Premiere feierten, von anderen Veranstaltern dann auch aufgeschnappt oder präsentiert wurden. Beste Beispiel dafür ist eigentlich das "Vierscher Ratpack". Ich dachte mir: Alle machen Pop! Alle machen Rock! Alle machen Wave oder weiß der Henkel was, aber keiner macht eigentlich diese alten Sachen wie Swing oder Jazz. Da habe ich mal den fabulösen Roland, den Roland Zentgraf gefragt, ob er sich vorstellen könnte, so einen kleinen Auftritt von einer Dreiviertelstunde zu machen. Der hatte sofort Lust, hat dann noch seine Kumpels Achim und Cäcky zusammengetrommelt und das "Vierscher Ratpack" war geboren. Es gab direkt so einen kleinen Hype. Jetzt sind sie viel im Kreis unterwegs und haben regelmäßig Auftritte. Das freut mich vor allem, weil die Grundidee in Viersen ihren Ursprung hat. Den Namen haben sie sich aber schon selbst gegeben.

Was ich auch cool fand, das war die Schräg-TV Geschichte. Das sollte eigentlich auch noch mal laufen, hat aber mal wieder an Dynamik verloren, weil keine Leute kamen. Warum weiß ich auch nicht!

Wir hatten verschieden Künstler aus der Kabarett- und Comedy-Szene, die Rang und Namen haben, aber eigentlich sind wir auf alle Künstler stolz, die hier aufgetreten sind, weil es alles gute Künstler sind. Die sind ja jetzt nicht irgendwie der Willi von nebenan, der ankommt und ein paar Witze erzählt. Schön war auch unsere erste Silvesterparty von 2014 auf 2015. Da waren so viele nette Leute hier, die Stimmung war gut und man merkte, die Leute finden es total toll und kommen gerne zu uns, weil sie es Klasse finden, was wir hier geschaffen haben und den Namen Freigeist auch nach außen tragen. Wenn man jeden Tag hier im Laden ist, dann empfindet man das selbst nicht so sehr als was Besonderes, aber viele Leute, auch diejenigen, die aus den Großstädten zu uns kommen, sagen zu uns, dass wir einen geilen Laden hier haben. Ich sag dann immer: "Aber sowat habt ihr in der Großstadt doch auch oder?" Dann kommt oft die Antwort: "Nö nö, sowas haben wir nicht bei uns." Ich glaube, die Mischung aus Programm und Atmosphäre macht das Besondere für die Leute aus."

Gib es noch weitere Projekte neben dem Freigeist oder ein bestimmtes Ziel, welches Sie noch ins Auge gefasst haben?

Ralf Weber: "Mein Ziel ist es nicht, die nächsten zwanzig Jahre das Freigeist so in dieser Form zu machen. Da muss schon ein bisschen mehr passieren. Im Hintergrund laufen verschiedene Dinge. Einige Ideen zum Beispiel, die wir hier zusammen gesponnen haben, die würden wir auch gerne woanders machen. Ich würde schon ganz gerne mit einigen Veranstaltungen nach Köln und in andere Großstädte, um mich dort damit auch zu etablieren. Nebenbei haben wir noch ein Projekt laufen mit ein paar bekannteren Schauspielern aus Köln, das dann hier gedreht wird für ein Internetportal. Auch an neuen Musikprojekten sind wir dran. Ich sag mal so, über Freigeist könnte ich mir vorstellen, so etwas wie Freigeist Entertainment zu entwickeln.

Wenn man mal ganz ehrlich ist, wird man hier halt nichts. Das ist Dorf, das bleibt Dorf und wird wohl in zwanzig Jahren immer noch ein Dorf sein. Die Leute hier zum Beispiel, die jungen Familien, die wir ja auch gerne ansprechen würden, die haben oft auch gar nicht die Kohle dafür oder die haben nicht den Kopf dafür, weil sie mit ganz anderen Dingen beschäftigt sind."

Was haben Sie eigentlich vor dem Freigeist gemacht?

Ralf Weber: "Ich habe Heizungs- und Lüftungsbauer gelernt, Gesellenprüfung nicht bestanden und dann alles Mögliche gemacht. In der Fabrik gearbeitet, Postbote, im Lager - all diese Jobs, die man so macht, um sich über Wasser zu halten. Dann habe ich zuletzt als Schmuckverkäufer und Taxierer in einer größeren Schmuckfirma gearbeitet. 2003 hab ich dann die Grätsche gemacht, weil ich keinen Bock mehr hatte auf: "Herr Weber hier und Herr Weber da! Sie müssen so sein und Sie müssen SO sein...!" Dann hab ich mich 2003 selbständig gemacht, so nach dem Motto: ich mach jetzt irgendwas mit Musikproduktion. Das war eher ein kläglicher Versuch. Eine Zeit lang war ich tatsächlich auch HartzIVer, hab eine Beziehung geführt, zwei Kinder bekommen, Gelegenheitsjobs gemacht - unter anderem beim Fernsehen als Kleindarsteller in Serien. Weil meine damalige Partnerin dann arbeiten ging und studierte, war ich dann auch eine ganze Zeit lang Hausmann. Das alles und noch ein paar andere Sachen, wie Filme schneiden, Filme vertonen und ähnliches habe ich gemacht, um ein bisschen Geld zu verdienen, bis ich dann letztendlich den Laden auf gemacht habe. Am Anfang war da auch lange Zeit noch Durststrecke, bis ich mich dann zusammen mit Claudia so langsam da raus klamüsert habe."

Gibt es demnächst eine Veranstaltung auf die Sie sich besonders freuen?  

Ralf Weber: "Nö, weil ich mittlerweile eigentlich sehr nüchtern an die ganze Sache heran gehe. Natürlich freue ich mich auf einige Künstler, die wir gebucht haben, weil ich weiß, die sind gut. Allerdings sehe ich auch immer die Kehrseite der Medaille. Dann stehen wir da und wahrscheinlich kommen wieder nur zwei Leute, aber eigentlich freue ich mich auf den Herbst und den Winter, weil ich mich dann wieder in dem Laden einschließen kann. Wenn es draußen dunkel und kalt ist, dann kümmere ich mich gerne um den Laden und mach alles schön. Es kommen auch etwas mehr Leute, weil das Freigeist einfach auch so eine schöne Winter-Location ist. Wenn hier drin die Kerzen brennen, können die Leute das diesige und kalte Wetter draußen leichter vergessen."

Vielen Dank für das interessante Gespräch Herr Weber. Alles Gute weiterhin.

Ralf Weber: "Schön hier im besetzten Paris."

(mw)

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